Archiv für Dezember, 1999

2k problem

Posted in meta position on 31/12/1999 by clocktrick
Die ganze Wahrheit scheint nicht ans Tageslicht zu kommen. Der alltägliche Wahnsinn. Die Gipfelstürmer in Atemnot an der Steilflanke der Eiger-Nordwand. Und oben steht nur ein Kreuz. Was soll die Anstrengung für ein Zeichen, das einem gekreuzigten Mann gewidmet ist.
Durch die Lande im Eiltempo, die neuen Trassen lassen das Leben noch schneller vorbei fliegen, innen alles abgeschottet, kein Geräusch dringt mehr herein, kein Lufthauch zieht mehr durchs Abteil, sanft schaukelnd fliegen wir mit Tempo 250 durch das Land, Gegenwart hinter uns lassend.
Und wir wissen, dass wir fliehen. Und wir wissen, dass es nur Ablenkung für ein paar Tage ist. Und wir wissen, dass das Leben uns nichts schenkt. Hol es dir und du musst dich vor dir selbst nicht rechtfertigen. Keine Ahnung, was mich noch zum Lachen bringt. Sehe hinaus und sehe die Landschaft, die Städte. Sehe immer das gleiche. Aber es gehört zu mir, ich bin da zu Hause. Seltsamerweise. Weiß nicht, wo ich mich sonst zugehörig fühlen sollte. Zu diesen akkurat gepflügten Ackerfurchen, diesen wie zufällig eingestreuten Waldabschnitten, diesen überschaubaren, auf Traufhöhen zurechtgestutzten Stadtansichten, diesen, sauberen, bürgerlichen Wohngebieten.
Rede wieder. Setze Eckpunkte. Ansichten werden nicht mehr hingenommen, trete heraus aus deiner Verkleidung, sieh mir ins Gesicht, sag was du willst. Antworte wieder. Keine Sache des Standpunkts, eine Sache des Gefühls, keine Frage des Wollens, eine Frage des Wissens. Frage wieder. Ansichten, Einsichten, nur Geschichten, und immer wieder der Trivialroman. Bei uns allen. Kein Intellekt, Bauerntheater. Höre wieder zu. Preisgebende Gefühle, vereinnahmte Bekundung, der Mülleimer meiner Sozialisation, von allen wahrgenommen, von allen benutzt, von allen missbraucht.
Was passiert, wenn du deine bürgerliche Existenz erreicht hast, wenn du weißt, dass es das jetzt gewesen ist? Können die Jungen noch einmal den Weg aufzeigen? Sie scheinen selbst ausgepowert, selbstvergessen am Rande der Zeit, behandeln alte Moden als den letzten Schrei und versuchen mit dem Leben Schritt zu halten. Nein, das brauchst du dir nicht mehr anzutun. Und die Alten im Jammertal über die Schlechtigkeit allen Seins, Nöligkeit über jede verpasste Chance, Selbst verliebt ziehen sie ihre Kreise, wie die Condore ziehen sie ihre Bahn um auch den letzten Krüppel noch auf den Friedhof der Amerikanischen Tellerwäscher zu befördern.
Bin wieder oben. Da, wo ich schon einmal war und abgestürzt bin. Wer fängt mit mir den Streit an, der meiner Seele den letzten Schlag verpasst? Wer tritt mir eine in die Eier, dass der Samen nicht wieder nutzlos in ein Papiertuch spritzt? Wer haut mir eine auf den Schädel, dass der Gedanke, es könnte auch alles ganz anders sein von meiner Zelle aufgesogen wird?
Sommer wie Winter, es fühlt sich alles gleich an. Die alltägliche Paranoia. Gründet einen Kleinstaat hieß es, da könnt ihr was erleben hieß es. Sie führen wieder Krieg und alle schauen weg. Nur die ewig Gestrigen wollen da noch mitmachen.
Betriebssysteme als der letzte Schrei, Datennetze als Kulturgut und Schriftsteller, die die Geschichte um deuten, also warum sollten wir nicht daran teilhaben.
Wir werden sehen. Bis zum Jahr 2000 ist es ja nicht mehr weit. Aber wer gedacht hat, dass sich bis dahin etwas ändert, wird sich schwer im Grabe umdrehen. Und wer denkt er könnte etwas ändern, sollte nach Hollywood gehen und Dinosauriereier ausgraben.
Die Fiktion als Realität. Das Chaos als Ordnung. Langhaarige in Badelatschen vor den Monitoren der Zeit, Weisskittel im Massanzug mit intellektuellem Anstrich als Wissenschaftler verkleidet, ihnen gehört die Zukunft, der Traum wird wahr.
Hätte Ronnie doch anstatt zum Telefon zu greifen auf den roten Knopf gedrückt. Und einige hätten wieder genickt und gesagt, wir haben es ja schon immer gewusst. Und wir hätten das Fegefeuer als Technoparty zur WorlwideOverdosedAction gefeiert. Und keiner der sich zurück nimmt.
Ich sehe es kommen. Ich war schon einmal da. Ich habe es miterlebt. Ich weiß wovon ich rede. Nur keiner hört zu. Also rede ich mit mir selbst. Manchmal kann ich mich selbst nicht mehr hören. Und wenn es dann wieder soweit ist, denke ich, der spinnt. Der hat sie nicht mehr alle. So wird es sein. So war es immer.
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